#3.2 - Die Morgenmacher - Watt zählt!
Shownotes
Website dena Website Carsten Herbert Earth Overshoot Day Daten zum Strommarkt 2025 Heizspiegel Deutschland Ressourcen schonen im Haushalt Green Tech Atlas des Bundes Umweltamtes 2025 Website Energie-Effizienz-Netzwerke
Host: Dörte Behrmann, Klimahaus Bremerhaven Produktion: Dezett Image Daniel Zaidan, Bremen Musik: Smart Brain
Lauscht der nächsten neuen Folge von** GradWandel - Staffel Morgenmacher** immer am letzten Dienstag des Monats GradWandel findest du überall, wo es Podcasts gibt – und natürlich auch auf unserer Website Das Klimahaus Bremerhaven bei Instagram LinkedIn
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00:00:05: Dörte: Energieeffizienz – das Wort klingt sehr sperrig, sehr technisch und damit erstmal so gar nicht attraktiv. Ein hartes G, zwei scharfe Zetts und sogar drei Is – meine Ohren mögen den Klang des Wortes nicht wirklich. Geht es dir auch so? Und: Gibt es da nicht auch die unangenehme Oberlehrerfrage „Was ist der Unterschied von effektiv und effizient?“, bei der sicher nicht nur ich ins Trudeln komme? Aber sei’s drum – Energieeffizienz gilt in Fachkreisen wie Kreislaufwirtschaft als einer der wichtigsten Antreiber im Kampf gegen den Klimawandel und darum beschäftigen wir uns heute damit. Denn eines kann ich dir schon jetzt verraten – das Wort an sich mag nicht geschmeidig sein, die Beschäftigung damit aber lohnt sich. Und das nicht nur für unseren Planeten, sondern auch für deinen Geldbeutel. Doch keine Sorge: Das Wort Verzicht fällt in dieser Podcastfolge nur einmal – und ganz anders als du vielleicht befürchtest. Schreib mir, wenn’s dir auffällt. Ich bin Dörte, arbeite im Klimahaus Bremerhaven als Pressesprecherin und begrüße dich herzlich bei GradWandel, dem Podcast aus dem Klimahaus Bremerhaven. Auch in dieser dritten Staffel stelle ich sogenannte „Morgenmacher“ vor, also Menschen, die daran arbeiten und Konzepte, die dazu beitragen, dass unsere Erde trotz Klimawandel lebenswert bleibt. Heute wirst du sogar Wissen und Anregungen von zwei Experten lauschen können, denn um möglichst viele Themenaspekte zu erfahren, habe ich zwei Fachmänner mit recht unterschiedlicher Ausrichtung zum Gespräch eingeladen. Bleib‘ also dran! Übrigens: Eine Antwort auf die Oberlehrerfrage vom Anfang kann ich dir jetzt schon mal geben: Effektivität bedeutet die richtigen Dinge tun. Effizienz bedeutet die Dinge richtig zu tun. Das hilft dir auch noch nicht wirklich weiter? Dann habe ich noch ein Stichwort für dich: Effizienz bedeutet Ressourcen zu schonen. Oder, wie unser erster Gast - Michael Müller - es sagt:
00:02:16: Michael Müller: Und Energieeffizienz bedeutet dann: Wir schauen auf das Verhältnis von Einsatz und Output von Energie. Das heißt also, wie viel Energie müssen wir in einen Prozess hineingeben, um zu einem bestimmten Output zu kommen? Das kann ich an einem einfachen Beispiel wie der Lampe oder einer Leuchte mal illustrieren. Bei einer früheren einhundert Watt Glühlampe hatten wir tatsächlich einhundert Watt Stromverbrauch. Bei einer neuen Lampe, einem LED Leuchtmittel, haben wir nur einen Einsatz von fünf Watt, um genau dieselbe Helligkeit und Lichtleistung zu erzeugen. Das heißt also, wir benötigen nur fünf Prozent der ursprünglichen Energie und das ist dann Energieeffizienz.
00:03:09: Dörte: Michael Müller wird uns im Verlauf der Folge noch erklären, welche Hinweise dir Energie-Effizienzklassen geben, welche Gedanken du dir zum Thema machen kannst und er bringt eine erstaunliche Anregung aus der Wirtschaft mit. Mit Michael Müller ist ein ausgewiesener Experte zu Gast bei GradWandel. Er verantwortet seit vier Jahren das Themenfeld Energieeffizienz bei der bundeseigenen Deutschen-Energie-Agentur, kurz dena. Die dena betrachtet die Herausforderungen einer klimaneutralen Gesellschaft und unterstützt die Bundesregierung beim Erreichen ihrer energie- und klimapolitischen Ziele. Seit ihrer Gründung im Jahr 2000 entwickelt die Agentur Lösungen, setzt diese in die Praxis um und bringt Partner aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und allen Teilen der Gesellschaft zusammen – national wie international. Das macht sie bis heute. Michael Müller ist seit 15 Jahren bei der dena. Er steuert die thematische Ausrichtung des Arbeitsgebiets Energieeffizienz, koordiniert Projekte in diesem Themenfeld, berät national und international und hält auch Vorträge. In der letzten Folge mit dem Thema Kreislaufwirtschaft habe ich dir schon den „Earth Overshoot Day“ vorgestellt. Das ist der Tag im Jahr, an dem wir die natürlichen Ressourcen aufgebraucht haben, die uns die Erde innerhalb eines Jahres geben kann. Danach fängt die Erdüberlastung an. 2025 war der globale „Earth Overshoot Day“ am 24. Juli erreicht, für Deutschland war der Überlastungstag am 3. Mai erreicht. In diesem Jahr rutscht unser Land übrigens am 10. Mai in die roten Zahlen – eine kleine Verbesserung. Dennoch - du siehst, wie dringend wir unser Verhalten anpassen müssen; wie dringend wie lernen müssen, schonender mit den natürlichen Ressourcen wie Boden, Wasser, Luft und Rohstoffe umzugehen. Und da kommt eben Energieeffizienz ins Spiel.
00:05:14: Michael Müller: Am Ende ist es auch noch die Dimension eines energiesuffizienten Verhaltens. Das heißt also, auch noch mal darüber nachzudenken, okay, brauche ich das jetzt tatsächlich? Also welche Größe eines Gerätes benötige ich also für einen Weg, den ich zurücklege? Gehe ich dann zu Fuß? Kann ich den mit dem Fahrrad zurücklegen? Brauche ich ein kleines Auto oder brauche ich ein großes Auto? Das hat ja am Ende für einen Zweck, nämlich den Transport von A nach B oder das Zurücklegen eines Weges von A nach B. Am Ende alles dasselbe Ergebnis. Wenn man vielleicht mal noch den Faktor Zeit bisschen zurückstellt. Aber man hat eben einen durchaus unterschiedlichen Einsatz von Energie, der damit verbunden ist. Und insofern ist es eine sehr individuelle Entscheidung auch von jedem Bürger.
00:06:18: Dörte: Kurz gesagt: Du musst es auch wollen. Lass‘ uns das Thema mal am Beispiel Strom konkretisieren. Laut Bundesnetzagentur wurden 2025 insgesamt rund 438 TerraWattStunden Strom in Deutschland produziert. Das ist eine irre beeindruckende Zahl, denn das entspräche so ungefähr der Stromproduktion von 730 Milliarden Standard-Balkon- Photovoltaik -Anlagen mit 600 Watt Leistung. Unvorstellbar, oder? Puh, erstmal durchatmen. Übrigens: Die Statistiker sagen, dass es derzeit rund 1,2 bis 1,5 Millionen Balkonkraftwerke gibt. Schauen wir aber auf die andere Seite, auf den Verbrauch. Offizielle Zahlen sagen, dass er für das letzte Jahr 465 TerraWattStunden betrug. Vergleichen wir die Zahlen von 438 TerraWattStunden Stromerzeugung mit 465 TerraWattStunden Stromverbrauch, dann sieht die Bilanz also nicht so prima aus: Ich rechne kurz für dich: Wir verbrauchen rund 27 TerraWattStunden mehr als wir produzieren. Falls du dich wunderst: Die Differenz decken wir durch Stromimporte – aber dem nachzugehen wäre ein ganz eigenes Thema. Du hast den Vergleich mit den Standard-Balkon-Solaranlagen noch im Ohr? Wir kommen auf diese Zahl nochmal zurück, wenn wir uns in der sechsten Folge dieser Staffel mit Erneuerbaren Energien beschäftigen. Die Folge wird ab dem 27. Oktober zu hören sein. Wir müssen also gut umgehen mit dem, was wir da herstellen, weil es aus eigener Kraft eigentlich sowieso nicht reicht. Müssen das Beste aus dem machen, was da ist. Mit einem Wort: seien wir effizient! Das ist genauso leicht getan wie gesagt, denn die Hersteller von Geräten beispielsweise helfen dir dabei, indem sie Angaben zu Energieeffizienzklassen machen. Doch lassen wir uns das von Michael Müller erläutern.
00:08:26: Michael Müller: Die Energieeffizienzklassen das sind Bewertungsskalen, die den Energieverbrauch möglichst verständlich einordnen. Da gibt es aktuell eine Skala von A für sehr energieeffizient bis G. Oder teilweise auch H für wenig energieeffizient. Und das ist etwas, was in mehreren Anwendungsfeldern zum Einsatz kommt zum Beispiel bei Gebäuden im Energieausweis. Gerade schon beschrieben, aber auch bei Haushaltsgeräten, Beleuchtung, Elektronik, aber auch bis hin zu Autos und Reifen.
00:09:01: Dörte: Das führt zur Frage, ob Hersteller bereits während der Produktion wissen, in welche Effizienzklasse ihr Produkt eingeordnet wird – ob ihnen also bewusst ist, dass es möglicherweise nur die Klasse G erreicht. Aber warum werden überhaupt Produkte hergestellt, die in Bezug auf ihre Energieeffizienz eine so schlechte Bewertung erhalten? Michael Müllers Antwort öffnet die Augen:
00:09:24: Michael Müller: Ja, also man weiß auf jeden Fall, in welcher Energieeffizienzklasse das dann einsortiert wird, weil diese Effizienzklassen auch transparent sind. Das heißt also, auch Hersteller wissen dann und können sich auch dann dabei, also in der Produktentwicklung, daran orientieren, in welcher Klasse das dann landet und auch natürlich dann entscheiden, welche Produktentwicklung muss ich da vielleicht auch noch betreiben, damit es dann eben in einer möglichst guten Energieeffizienzklasse landet. Die Entscheidung ist dann sicherlich, welchen Aufwand muss ich dafür betreiben - in der Produktentwicklung. Aber auch, welche Komponenten muss ich einsetzen, um eben in eine bestimmte Energieeffizienzklasse zu kommen? Und das bedeutet natürlich auch, dass das ein Kostentreiber ist bei der Produktentwicklung beziehungsweise bei der konkreten Produktion und in dem Sinne eben auch eine bewusste Entscheidung natürlich sein kann, ich möchte hier ein besonders günstiges Produkt anbieten. Das kann dann eben keine so hohe Effizienzklasse haben wie ein etwas höherwertiges Produkt, weil eben all diese Komponenten, die dann auch in den Produkten verbaut werden, um eine entsprechende Energieeffizienzklasse zu erreichen, entsprechend höherwertig sind.
00:10:50: Dörte: Ebenso wie der Hersteller hast auch du eine Wahl und kannst durch deine Kaufentscheidung die Produktion beeinflussen. Denn tatsächlich hast du als Verbraucher eine große Macht.
00:11:01: Michael Müller: Der Verbraucher hat natürlich immer noch beim bei der Anschaffung der Produkte eben die die Auswahl und im besseren Fall auch die Sensibilität und das Verständnis dafür, was es dann eben bedeutet, sich dann auch für ein energieeffizienteres Produkt zu entscheiden, auch wenn das eben gegebenenfalls erst mal mit etwas höheren Kosten verbunden ist gegenüber einem weniger energieeffizienten Produkt. Aber da hatte ich ja vorhin auch schon auf quasi diesen gesamten Nutzungszeitraum hingewiesen, den man da eben immer im Blick haben sollte.
00:11:40: Dörte: Doch ein Paradox darf nicht unerwähnt bleiben: Die Digitalisierung von Geräten nimmt immer mehr zu, der Stromverbrauch wird weiter steigen. Zudem: Smarte Verbraucher haben immer mehr energieeffiziente und -stromsparende Geräte im Haus, was die Gefahr der parallelen Nutzung erhöht. Dazu sagt der Experte der Deutschen Energie-Agentur:
00:12:02: Michael Müller: Ja, also, das sehen wir auch. Natürlich, wir haben einen, also insbesondere eine Zunahme an technischen Verbrauchern. Die werden immer energieeffizienter. Aber es wird eben. Insgesamt ist es eine Zunahme von Verbrauchern, die dann sicherlich auch teilweise mit einem steigenden Lebensstandard einhergehen. Und wir sprechen dann eben auch in der Wissenschaft von einem sogenannten Rebound Effekt, wo eben tatsächlich auch schon festgestellt wurde, dass eben in Kenntnis der höheren Energieeffizienz von bestimmten Produkten die Sensibilität dann nachlässt und also die Verhaltenskomponente dann so stark wird, dass man sagt okay, dann ist es jetzt auch nicht mehr ganz so kritisch, wenn ich das Licht eben etwas länger brennen lasse, das ist ja eben ein LED Leuchtmittel, was nur noch fünf Prozent der Energie einer früheren Glühlampe verbraucht hat oder eben auch andere technische Geräte dann eben einfach ein kleines bisschen mehr nutze. Und das ist dann eben noch mal das, wo es ein bisschen mehr auf die Sensibilisierung der Nutzer, der Verbraucherinnen und Verbraucher ankommt.
00:13:31: Dörte: Übrigens, die Zuordnung zur Skala von A bis G werden immer wieder angepasst, weil die Weiterentwicklung der Produkte und damit die immer bessere Ausnutzung von Strom etc. immer weiter voranschreitet. Was ja ein gutes Zeichen ist.
00:13:45: Michael Müller: Es ist tatsächlich so, dass ein C früher heute eher ein G sein kann. In der Vergangenheit gab es dann eben auch, ich sage mal, solche Entwicklungen, dass dann eben das A nicht mehr ausgereicht hatte, um eben die Energie, also die gestiegene Energieeffizienz zu veranschaulichen. Da gab es dann diese A plus oder A plus plus Zusatzklassen. Und um das dann eben wieder ein bisschen besser verständlich zu machen, wird das dann eben in bestimmten Zyklen einfach überprüft und dann ist eben ein Produkt, was eben ja wie gesagt früher C war, rutscht dann vielleicht ein Stück weit runter, weil eben die Anforderungen an diese Energieeffizienzklasse einfach erhöht werden.
00:14:34: Dörte: Früher gab es nicht nur A bis G sondern sogar Plus-Plus-Klassen. Du hast dich vielleicht schon gewundert, wo die geblieben sind – hier hast du die Erklärung. Michael hat noch einen Tipp für dich für die Kaufentscheidung:
00:14:47: Michael Müller: Dabei ist es dann aber auch immer wichtig, nicht nur auf die konkreten Verkaufskosten zu achten, sondern eine Produktlebenszyklus Betrachtung vorzunehmen. Das heißt, bei energieeffizienteren Produkten haben wir vielleicht einen höheren Anschaffungspreis, aber in der Betriebs- oder Nutzungsphase haben wir entsprechend niedrigere Energiekosten und Verbrauchskosten. Das heißt also, über einen längeren Betrachtungszeitraum refinanzieren sich im Grunde genommen auch etwas höhere Anschaffungskosten.
00:15:26: Dörte: Apropos Geldbeutel: Ein Bereich, in dem sich mit ein paar klugen Entscheidungen richtig sparen lässt, ist das Wohnen. Wer hier auf Energieeffizienz achtet, merkt das schnell – schauen wir uns das also mal genauer an. LED-Lampen sind inzwischen völlig zu Recht Standard. Die klassische Glühbirne hat nämlich nur etwa fünf Prozent der eingesetzten Energie tatsächlich in Licht verwandelt – der Rest verpuffte als Wärme. Mega ineffizient! Beim Standby-Modus lohnt sich ein zweiter Blick. Du magst denken: „Ach, das bisschen Strom macht doch nichts.“ Tatsächlich summiert sich das aber. Ein Fernseher, der täglich rund 20 Stunden im Standby läuft, kommt im Jahr auf etwa 103 Kilowattstunden – das sind ungefähr 36 Euro. Insgesamt gehen schätzungsweise zehn bis zwanzig Prozent des Stromverbrauchs auf Geräte im Standby zurück. Muss also wirklich nicht sein. Ein weiteres Beispiel für cleveren Umgang mit Energie: Waschen bei niedrigeren Temperaturen. Mit der Energiemenge, die ein 60-Grad-Waschgang benötigt, kannst du ungefähr drei Ladungen bei 30 Grad waschen. Das ist wirklich effizient. Ist dir übrigens aufgefallen, dass ich bei den Beispielen eben das Wort Verzicht gar nicht genutzt habe? Effizienz hat eben nichts damit zu tun, dass wir uns etwas verkneifen. Das gilt auch beim Thema Wärme. Um Effizienz einziehen zu lassen, musst du nicht die Heizung ausdrehen und mit drei Pullis und einer Wolldecke zitternd auf dem Sofa sitzen. Im Gegenteil: Ziel ist, die richtige Wärmequelle zu wählen, um im T-Shirt bei wohligen 21 Grad und mit bestem Gewissen für Umwelt und Portemonnaie dein Wohnzimmer zu genießen. Lass‘ mich dir kurz erzählen, wie Wohnungen heute beheizt werden: Die meisten Heizungen in Deutschland werden laut Daten des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft immer noch mit Gas oder Öl betrieben: rund 72 Prozent. Bei etwas mehr als 15 Prozent der Wohnungen sorgt Fernwärme für die richtige Temperatur. Darunter wird die Belieferung von Gebäuden mit Wärme von einem Kraft- oder Heizwerk verstanden, wo Erdgas sowie Steinkohle aber auch Wärme, die bei der Müllverbrennung oder industriellen Prozessen entsteht, als Brennstoffe genutzt werden. Fast sechs Prozent der 42 Millionen Haushalte in Deutschland heizen mittlerweile mit Elektro-Wärmepumpen. Mit Strom betriebene Nachtspeicheröfen oder Pelletöfen sind ebenfalls noch im Einsatz. Soweit die Fakten. Doch was ist heute die smarteste Heizquelle? Darüber weiß mein zweiter Gast viel zu erzählen, denn er ist der wohl bekannteste Energieberater bundesweit: Carsten Herbert, besser bekannt als „Energiesparkommissar“. Wer über das Thema Energiesparen und -effizienz bei Gebäuden nachdenkt, landet automatisch bei ihm und seinem Youtube-Kanal. Dort wurden die aktuell 86 Videos mehr als 11 Millionen Mal abgerufen. Außerdem sind zwei Bücher von ihm auf dem Markt - eines davon ein SPIEGEL-Bestseller. Und du kannst ihn in Vorträgen erleben, mit denen er die Hallen vom Norden bis zum Süden der Republik füllt. Heute dürfen wir bei GradWandel seinen verständlichen Erklärungen zum komplexen Thema Energieeffizienz lauschen. Wir fangen mal ganz untechnisch an und lassen uns erläutern, wo in einem Gebäude das meiste Geld verpufft.
00:19:09: Carsten Herbert: Na gut, das hängt immer so ein bisschen ab vom Haus und von den Bauteiloberflächen. Da gibt es ja große Flächen und kleine Flächen. Deswegen ist es immer so ein bisschen individuell unterschiedlich, wo die größten Energielöcher stecken. Aber es gibt schon so ein paar Sachen, von denen kann man ganz klar sagen, die haben einen besonders großen Einfluss. Und die würde ich als die zwei Dinge, also die zwei Dinge, die ich jetzt nenne, die, glaube ich, das sind die, die am größten Einfluss haben können. Und zwar ist das einmal das Thema Luftdichtheit. Das ist etwas, was kaum bekannt ist, also Luftdichtheit. In einem Gebäude irgendwo gibt es Ritzen und Fugen, wo warme Luft nach draußen geht und irgendwo anders kommt wieder kalt rein. Und das führt dann dazu, dass im Prinzip die in der Luft enthaltene Wärme eben mit nach draußen verschwindet. Das ist auch so in der Energieberatung immer so ein Thema wird kaum so richtig gelehrt. Man sagt zwar immer, es muss luftig gebaut werden, aber die Größenordnung an Energieverlusten, die da passieren können, die sind kaum bekannt. Auch in der Energieberatungsszene nicht. Und das andere: Das ist immer dann, wenn eine Heizungsanlage nicht ordentlich funktioniert, nicht richtig eingestellt ist, dass die viel zu viel Wärme produziert. Also viel mehr, als wir eigentlich am Ende beim Heizkörper für unsere Räume brauchen. Und dann geht durch dieses nichtoptimierte Einstellen auch eine ganze Menge verloren.
00:20:34: Dörte: Schauen wir uns den ersten Punkt nochmal an: Luftdichtheit. Carsten Herbert ist Diplom-Bauingenieur, von 2004 bis 2024 war er als Energieberater selbstständig. Er sagt ganz klar: Ob Neubau oder Altbau - jedes Gebäude sollte luftdicht sein – das ist heute sogar vorgeschrieben. Wenn es das nicht ist, passiert Folgendes: Die Luft bewegt sich unkontrolliert durchs Haus. Und das ist gar nicht gut. Denn dabei geht Wärme verloren. Oder sie landet an Stellen, wo sie nichts zu suchen hat – und genau da kann dann Schimmel entstehen. Zum Beispiel beim Übergang zwischen dem Übergang von Fenster und Wand. Typische Schwachstellen? Zum Beispiel Fenster, die nur mit Montageschaum abgedichtet sind. Oder Kabelschächte in der Außenwand, die einfach offen bleiben. Auch Unterputzdosen können Probleme machen, wenn sie nicht richtig eingebaut sind. Dann zieht’s plötzlich – im Zweifel sogar durch die Steckdose. Heute achtet man beim Bauen viel stärker darauf und setzt auf kontrollierte Lüftung. Früher, gerade bei Gebäuden vor 1990, hat man das deutlich lockerer gesehen. Da galt so ein kleines „Löchlein“ hier und da oft als nicht so schlimm. Hast du dir darüber schon mal Gedanken gemacht? Hierzu noch ein Hinweis von Carsten:
00:21:56: Carsten Herbert: das ist das Interessante bei der Luftdichtheit ist noch: Es gibt unter dem Dach einen besonders hohen Überdruck. Also unter dem Dach ist der Druck, wo die Luft nach draußen drängt, am größten und umgedreht ist es im Erdgeschoss auch im Fußboden Bereich ist der Unterdruck am größten. Deswegen zieht meistens oben im Dach nach draußen und in der Regel im Erdgeschoss. Je tiefer man kommt, umso stärker zieht es da rein. Das heißt, die Löcher, die ganz oben im Dach sind und die Löcher, die ganz unten im Haus sind, das sind die wichtigsten, die man zu stopfen hat.
00:22:27: Dörte: Nun weisste auch das. Nun schauen wir uns mal die Heizungsanlage an – das ist der zweite Punkt, den Carsten eben genannt hat. Die Geschichte unserer Wärmequellen ist übrigens ziemlich spannend. Und ehrlich gesagt: erstaunlich kurz. Fangen wir ganz vorne an: offenes Feuer. Nicht besonders effizient – du kennst das. Eine Seite wird warm, die andere bleibt kalt. Das war in der Steinzeit schon so … und ist beim Lagerfeuer heute nicht anders. Kamine, Holzöfen aus dem Mittelalter oder später die Kohleöfen zur Zeit der Industrialisierung lassen wir mal außen vor. Springen wir direkt in die Neuzeit: Gas und Öl. Denn klar – Effizienz war schon immer ein Antrieb für neue Entwicklungen. Und genau deshalb hat sich auch bei diesen Energieträgern einiges getan.
00:23:22: Carsten Herbert: Das wäre dann zum Beispiel etwas, was ich dann in den Nullerjahren so langsam durchgesetzt hat. Das war die Brennwertheizung bei den Gas und Ölkesseln. Man hat also aus dem Brennstoff mehr Wärme rausholen können, als es vorher bei den vorherigen verwendeten Techniken möglich war oder was dann auch irgendwann mal so eine größere Rolle gespielt hat und heute auch so was wie eine Standardtechnik ist, die zwar noch nicht weitverbreitet ist, aber die existiert zumindest. Dass es Lüftungsanlagen mit Wärmerückgewinnung, den Luftaustausch, den wir in unseren Häusern organisieren müssen, dass wir ausreichend frische Luft haben zum Atmen und für die Raumlufthygiene. Das kann man ja einfach austauschen, indem man die Fenster öffnet oder indem man eine Abluftanlage einsetzt, die das dann automatisch macht. Es geht aber auch, dass man der abgesaugten Luft die Wärme entzieht und die wieder der zugeströmten Luft übergibt, so dass die Wärme nur zum Teil oder zum sehr kleinen Teil verloren geht. Alles das sind Techniken, die in den letzten Jahrzehnten entwickelt worden sind, weiterentwickelt worden sind, um eben den Energieverbrauch, den Wärmeenergieverbrauch in einem Haus zu reduzieren.
00:24:40: Dörte: Trotz guter Ergebnisse für die Brennwertheizung oder Anlagen mit Wärmerückgewinnung: Die Experten sind sich einig, dass die Wärmepumpe die effizienteste Wärmequelle ist.
00:24:50: Carsten Herbert: Früher haben wir diese Brennwerttechnik entwickelt, um weniger Öl und Gas zu verbrauchen. Hier sind wir jetzt an einem Endpunkt angereicht. Obwohl das eine effizientere Technik ist, ist es insgesamt im Vergleich zu einer Wärmepumpe immer noch sehr sehr ineffizient, weil wir müssen irgendwas verbrennen und haben dadurch immer große Wärmeverluste. Und das haben wir jetzt erstmals bei der Wärmepumpe nicht mehr. Vor allen Dingen müssen wir dafür nichts mehr verbrennen und irgendwo aus der Erde rausholen, sondern wir können im Prinzip mit Erneuerbaren Energien, also Strom aus Erneuerbaren Energien, unsere Heizung betreiben. Und das ist jetzt, ich sage mal, der nächste Schritt, der da auf uns zukommt. Und ich gehe mal davon aus, in Bezug auf die Wärmeversorgung in unseren Häusern so was wie eine Revolution. Aber die vierte und letzte Revolution, die wir erleben werden.
00:25:45: Dörte: Angesichts des Drangs der Ingenieure, immer bessere Techniken zu entwickeln, kann ich mir schwer vorstellen, dass es danach nichts Besseres geben wird. Carsten Herbert hat dazu eine differenziertere Meinung:
00:25:59: Carsten Herbert: Das kann ich mir nur sehr schwer vorstellen. Ich glaube, dass dann vielleicht die Technik selbst immer noch effizienter gemacht wird und weiterentwickelt wird. Aber die Wärmepumpentechnik als solches, das wird so was wie der nächste letzte Schritt sein um eine nachhaltige und klimaneutrale Wärmeversorgung in unseren Häusern bereitzustellen bzw zu realisieren.
00:26:26: Dörte: Jetzt wird’s ein bisschen kurios: Die Technik, die uns heute in eine sauberere, CO₂-ärmere Zukunft bringen soll, ist nämlich eigentlich ziemlich alt. Die Geschichte geht zurück bis 1777. Damals hat der schottische Wissenschaftler William Cullen mit Kälte experimentiert – er wollte herausfinden, wie man Dinge gezielt herunterkühlt. Und das hat auch funktioniert. Und genau da liegt der Ursprung der Wärmepumpe: in der Kältetechnik. Andere haben darauf aufgebaut. 1834 hat der Amerikaner Jacob Perkins das erste funktionierende Kühlgerät entwickelt. Und dann, 1852, kam der entscheidende Gedanke: Warum nicht mit dieser Technik auch heizen? Der Brite William Thomson – besser bekannt als Lord Kelvin – hat dazu eine theoretische Abhandlung geschrieben. Ab da ging die Entwicklung der Wärmepumpe weiter – je nach Land ein bisschen anders, und nicht immer geradlinig. Auch Carsten Herbert hat zur Geschichte dazu eine Anekdote:
00:27:28: Carsten Herbert: Es gibt auch noch eine Wärmepumpe, ich glaube die die hat fast ein hundert Jahre geschafft, die war irgendwie in Zürich oder irgend in einer Schweizer Stadt eingebaut und lief da oder läuft heute noch mit Flusswasser. Also die Technik ist schon sehr, sehr alt. Ich hatte auch mal eine Veranstaltung irgendwo an der Bergstraße, also im Südhessischen. Und da kam ein Zuhörer zu mir zum Schluss hat er gesagt, bei ihm musste jetzt gerade seine Wärmepumpe ausgetauscht werden und die hat er 1975 eingebaut. Also es gab auch in den siebziger Jahren so als Anlass war das damals die Ölkrise der siebziger Jahren schon das erste Mal so einen kleinen Boom in Bezug auf die Heizungswärmepumpen. Dann wurde das Gas wieder so billig, dass die Wärmepumpen so ein bisschen in den Hintergrund gerückt sind. Aber jetzt kommt sie wieder massiv nach vorne. Und ich glaube, auch das wird jetzt ein Schritt sein, der lässt sich nicht mehr zurückdrehen, weil einfach die Kosten und auch die Klimaneutralität hier schlagende Argumente sind.
00:28:34: Dörte: Häufig hört man, dass die mangelnden Luftdichtheit von Altbauten ein Argument gegen die Wärmepumpe sei. Doch da habe ich – nein, der „Energiesparkommissar“ hat – Neuigkeiten für dich als Eigenheimbesitzer:
00:28:48: Carsten Herbert: Also wir haben mittlerweile die Möglichkeit, die Optimierung der Heizungsanlage so weit voranzutreiben, dass wir fast in allen Altbauten, ohne dass wir jetzt irgendwie großartig noch mal die Gebäudehülle ran müssen, mit einer Wärmepumpe sehr effizient arbeiten können. Effizient bedeutet hier oder nennenswert effizient heißt hier, dass wir aus jeder Kilowattstunde Strom es schaffen, mindestens drei Kilowattstunden Wärme rauszuholen. Und hier gibt es aber diesen Zusammenhang: Je schlechter der Wärmeschutz eines Gebäudes ist, umso mehr sinkt die Effizienz einer Wärmepumpe. Deswegen spielt es eine ganz nennenswerte Rolle, wie gut oder wie schlecht man Altbau ist in Bezug auf den Wärmeschutz. Aber wir haben hier an mehreren Stellen die Möglichkeit, an mehrere Stellschrauben, mit denen wir diese Effizienz beeinflussen können und die der größte Einfluss der mit relativ geringen Kosten umsetzbar ist, das ist zum Beispiel die Vergrößerung der Heizkörper. Anstatt jetzt das Haus insgesamt noch mal einpacken zu müssen.
00:29:54: Dörte: Du weißt also jetzt, wie wichtig es ist, smart mit Energie umzugehen, wie du deine Wohnung effizient wärmst und welche Stellschrauben es gibt, um dein Heim danach auszurichten. Zur Motivation und Inspiration lass uns noch einen Blick auf ein Best-Practise-Modell werfen. Das kommt aus der Wirtschaft. Die dena begleitet es - es nennt sich ein wenig sperrig Energie-Effizienz-Netzwerk, ist aber wirklich cool.
00:30:20: Michael Müller: Der Gedanke grundsätzlich ist, das eben Unternehmen, nicht jedes Unternehmen für sich einzeln, sich überlegt, welche Energieeffizienzmaßnahmen kann ich umsetzen, welche Rahmenbedingungen habe ich? Mit welchen Maßnahmen komme ich zum Erfolg? Und das nicht nur auf der technischen Ebene, sondern auch prozessual. Welche Rahmenbedingungen benötige ich dafür auch im Unternehmen? Wie schaffe ich es dann eben auch Entscheidungsträger im Unternehmen davon zu überzeugen, dass es eben jetzt sinnvoll ist, einen bestimmten Prozess umzustellen oder etwas investieren zu investieren in eine energieeffizientere Umsetzung. Und dafür wurde eben dieser Netzwerkgedanke aufgegriffen, dass mehrere Unternehmen zusammen sich ein Ziel setzen, wie viel Einsparung sie in üblicherweise drei Jahren erreichen wollen, welche Maßnahmen sie dann eben jeder individuell für sich umsetzen wollen und sich dann eben auch darüber austauschen, welche Erfahrungen Sie bei dieser Maßnahmenumsetzung machen, aber auch teilweise erst mal bei der Feststellung der eigenen Energieverbräuche. Wie kann ich analysieren, welche Energieverbräuche ich habe und mit diesen Erkenntnissen, Wie kann ich da weitermachen? Wie setze ich dann die Maßnahmen um? Und so ein Netzwerk lebt dann eben tatsächlich von dem Austausch über diese Erfahrungen, Manchmal auch so ein bisschen, dass das Leid gemeinsam teilen. Wenn es dann doch mal auf der Strecke ein bisschen schwieriger ist oder irgendwelche Stolpersteine reinkommen, aber eben dann auch von den Erfolgen der anderen zu lernen und eben dann diese Erfahrungen von einem auf das andere Unternehmen zu übertragen.
00:32:26: Dörte: Klingt doch eigentlich ganz spannend, oder? Ich mag die Idee total, weil da auch so viel Vertrauen drinsteckt: Man zeigt sich offen, spricht ehrlich darüber, wo man noch nicht weiterweiß, und lernt voneinander. Stell dir mal vor, du würdest so ein Energie-Effizienz-Netzwerk einfach in deiner Nachbarschaft starten – ein bisschen austauschen, ein paar Tipps teilen, gemeinsam Erfahrungen sammeln. Könnte ziemlich inspirierend sein. Ist es nicht das, was wir alle brauchen: Inspiration, Anregungen und den Flow für den ersten Schritt? Ich hoffe, ich habe dir mit dieser Podcastfolge und den beiden Morgenmachern Michael Müller und Carsten Herbert Denkanregungen gegeben, um auch dein Heim und dein Verhalten so zu gestalten, dass du das Beste aus den Ressourcen herausholst. Dein Geldbeutel, aber auch unser Planet werden es dir danken. Danke, dass du bis hierhin wieder zugehört hast. In den Shownotes gibt’s die Website-Adressen unserer Gäste und noch Links, denen du zur weiteren Beschäftigung mit dem Thema folgen kannst. Freuen darfst du dich auf die nächste Folge in dieser Staffel. Am 26. Mai 2026 steht Elektromobilität im Mittelpunkt. Dafür habe ich mit Professor Achim Kampker von der RWTH in Aachen gesprochen, der sich seit vielen Jahren als Wissenschaftler, CEO von Start-Ups aber auch als Nutzer mit E-Mobilität beschäftigt. Ich fände es schön, wenn du wieder dabei bist. GradWandel findest du überall, wo es Podcasts gibt – und natürlich auch auf unserer Website unter www.klimahaus-bremerhaven.de. Wir freuen uns über Abos, Likes und Kommentare. Stell uns gerne deine Fragen! Für heute sage ich Tschüss!
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