#3.1 - Die Morgenmacher - Wirtschaften ohne Müll

Shownotes

Website Cradle to Cradle NGO Kongress Cradle to Cradle 17. und 18. September 2026 Youttube-Kanal Cradle to Cradle NGO
Green Tech Atlas des Bundes Umweltamtes 2025 – dort auch die aktuell vorliegenden Zahlen zur Branche Earth Overshoot Day Beispiel Rathaus in Venlo Beispiel Loop-Markt Haimhausen Beispiel Borussia Dortmund Beispiel Projekt Tempelhof Nationale Kreislaufwirtschaftsstrategie mit Übersicht Best practises Website Dr. Michael Braungart

Host: Dörte Behrmann, Klimahaus Bremerhaven Produktion: Dezett Image Daniel Zaidan, Bremen Musik: Smart Brain

Lauscht der nächsten neuen Folge von** GradWandel - Staffel Morgenmacher** immer am letzten Dienstag des Monats GradWandel findest du überall, wo es Podcasts gibt – und natürlich auch auf unserer Website unter www.klimahaus-bremerhaven.de Das Klimahaus Bremerhaven bei https://www.instagram.com/klimahaus.bremerhaven/ https://www.linkedin.com/in/klimahaus-bremerhaven https://www.klimahaus-bremerhaven.de

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00:00:05: Dörte: Wusstest du, dass es 20 Billiarden Ameisen auf der Welt gibt – das ist eine 20 mit 15 Nullen? Und wusstest du, dass diese Fülle an Ameisen Null Komma Null Abfall produziert? Das ist beeindruckend, oder? Doch wie schaffen es die kleinen Krabbler, mit solch erstaunlicher Bilanz aufwarten zu können? Ganz einfach: In der Natur gibt es keinen Müll, keinen Abfall, keine Reste.

00:00:34: Nora Sophie: Wenn wir uns die Natur angucken, dann wird da kein Müll gemacht. Dann gibt es Dinge, die abfallen, die nicht mehr genutzt werden. Wie wir als Beispiel ja auch immer den Kirschbaum nehmen, in dem der ganz viele Blüten produziert, Blätter produziert, die dann auf den Boden fallen und nicht alle daraus sozusagen Kirchen werden. Aber diese Blätter fallen auf den Boden, bilden da aber kein Müll, sondern Nährstoff für etwas Neues und das unsere Wirtschaft und unser Wirtschaften genau so aufgebaut sein müsste, das ist eigentlich nur logischer Menschenverstand und gar nichts Neues, nichts Besonderes und wir sind nur leider davon weggekommen, genau das zu als selbstverständlich zu sehen.

00:01:20: Dörte: Diese Stimme gehört unserem heutigen Gast: Nora Sophie Griefahn. Sie hat eine klare Vision von unserer Zukunft und dem, was wir machen müssen, damit unser Morgen besser ist als unser Heute. Ihre Antwort auf die Herausforderungen unserer Zeit: Ein Umbau unserer Wirtschaft. Ganz nach dem Vorbild der Natur: Weg von der linearen Herangehensweise hin zur Kreislaufwirtschaft, hin zu cradle to cradle. Cradle to Cradle – der Ansatz „von der Wiege zur Wiege“ - steht für Produkte, die keine Abfälle hinterlassen, weil alle Materialien in dauerhaften Kreisläufen zirkulieren. Genau diese Idee treibt Nora Sophie Griefahn seit über 13 Jahren an. Gemeinsam mit ihrem Kommilitonen Tim Janßen gründete sie 2013 die Cradle to Cradle NGO, eine Organisation, die sich für ein grundsätzliches Umdenken in Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Gesellschaft starkmacht. Heute leitet sie als geschäftsführende Vorständin ein engagiertes Team von rund 30 Mitarbeitenden in Berlin, unterstützt von rund 1000 Ehrenamtlichen. In Workshops, Konferenzen und Diskussionen vernetzt sie Menschen aus allen Bereichen – und zeigt auch als Rednerin und Impulsgeberin, dass eine kreislauffähige, müllfreie Welt keine Utopie ist. Und genau darüber sprechen wir heute. Ich bin Dörte, arbeite im Klimahaus Bremerhaven als Pressesprecherin und begrüße dich herzlich bei GradWandel, dem Podcast aus dem Klimahaus Bremerhaven. Dies ist die erste Folge unserer dritten Staffel, in der wir sogenannte „Morgenmacher“ vorstellen, also Menschen, die daran arbeiten und Konzepte, die dazu beitragen, dass unsere Erde trotz Klimawandel lebenswert bleibt. Oder, wie Nora Sophie sagt:

00:03:20: Nora Sophie: Aus meiner Sicht geht es darum, dass wir Menschen als Chance begreifen und nicht als etwas, was, wo wir sagen, es wäre besser, es gäbe weniger Menschen, es gäbe weniger Kinder und es wäre besser, wenn wir nicht da wären. Denn es geht nicht um den Planeten, den wir retten müssen. Es geht nicht darum, dass wir irgendwie gucken müssen, wie der Planet überlebt, sondern es geht um uns Menschen. Und damit ist Cradle to Cradle ein zutiefst humanistischer menschlicher Ansatz, wo es darum geht zu gucken, wie können wir Menschen auf diesem Planeten leben. Und das hat ganz viel damit zu tun, wie es unserer Umwelt geht, wie es den Tieren auf diesem Planeten gibt, wie geht und aber dann auch, wie es uns Menschen auf diesem Planeten geht.

00:04:12: Dörte: Weil es so berührend und motivierend ist in die Natur zu schauen, lass‘ mich dir nach den Ameisen und dem Kirschbaum zur Einstimmung ein drittes Beispiel geben, wie clever die Natur mit ihren Ressourcen umgeht:

00:04:25: Eckardt von Hirschausen: Das krasseste Beispiel für Nährstoffkreisläufe, hat mir Christph Schenk mal auf einem Foto erklärt. Da gibt es im Regenwald eine Schildkröte und um das Auge herum sind Schmetterlinge. Was wollen die da? Die wollen die Träne von der Schildkröte, weil da Salz drin ist. In der Natur, im Regenwald geht nichts verloren, da läuft alles im Kreislauf. Und ich dachte, wow, das ist so schön, das ist so genial!

00:04:52: Dörte: Der Sprecher ist übrigens der aus dem TV bekannte Arzt und Wissenschaftsjournalist Eckardt von Hirschhausen, dessen Erkenntnissen du in einem KlimaTalk im Klimahaus lauschen kannst. Jedem Menschen müsste klar sein, dass wir nur eine Erde haben, an der wir uns für unser aller Leben bedienen können. Doch leider verhalten wir uns nicht danach. Eindrücklicher Nachweis unseres Raubbaus: der „Earth Overshoot Day“, also der Tag im Jahr, an dem wir die natürlichen Ressourcen aufgebraucht haben, die uns die Erde innerhalb eines Jahres zur Verfügung stellt. Man kann diesen Tag ausrechnen – global und für jedes Jahr. 2025 war der „Earth Overshoot Day“ am 24. Juli erreicht und damit so früh wie seit Beginn der Berechnung 1971 noch nicht. Wir müssen also handeln und lernen, schonender mit den natürlichen Ressourcen wie Boden, Wasser, Luft und Rohstoffe umzugehen.

00:05:56: Nora Sophie: Also wenn wir Dinge einfach versuchen, ein bisschen weniger schlecht zu machen, dann ist das das, was jetzt jahrelang schon auch passiert ist. Wir haben versucht, ein bisschen weniger CO2 auszustoßen oder das Wasser ein bisschen weniger zu verschmutzen, die Luft weniger schmutzig zu machen. All das sind Dinge, die halt nicht mehr reichen und die auch noch nie gereicht haben, wenn wir sehen, was wir für Schaden schon angerichtet haben.

00:06:22: Dörte: Kreislaufwirtschaft aber orientiert sich an den planetaren Grenzen. Es geht um nichts Geringeres als um die Frage: Wie können wir miteinander leben, arbeiten, produzieren, konsumieren, ohne den Planeten leerzuräumen?

00:06:35: Nora Sophie: Wir sind in Deutschland ein sehr rohstoffarmes Land. Es macht überhaupt keinen Sinn, dass wir Rohstoffe verbrauchen, als hätten wir unendlich davon. Sondern wenn wir diese einmal erst abgebaut haben, unter vermutlich großen Umweltbelastungen auch, wenn wir wissen, wie Metalle und auch Öl abgebaut wird, aus dem dann wieder Kunststoffe entstehen, dann wissen wir, dass es gar keinen Sinn macht, diese nicht im Kreislauf zu führen, sondern auch dafür, um unsere Umwelt zu erhalten und auch um eine Unabhängigkeit von Ressourcenabbau zu bekommen. Und natürlich hat das dann auch etwas mit unserer Resilienz zu tun, auch mit Sicherheit, die wir haben, wenn wir nicht abhängig davon sind, erpressbar für den Zugang von Ressourcen zu sein. Und das sind natürlich auch alles Argumente neben dem Argument, dass es sich wirtschaftlich auch lohnt, Ressourcen nicht zu vergeuden, weil es natürlich viel teurer ist am Ende Immer wieder neue Ressourcen abbauen zu müssen, statt sie wirklich im Kreislauf zu führen. Heute lohnt sich das teilweise, das zu machen, weil die wahren Kosten ja gar nicht mit einkalkuliert sind. Wenn wir halt günstig Rohstoffe abbauen und die Kosten an Umwelt und an Klima und auch an ja anderen Folgeproblemen die Allgemeinheit trägt. Aber an sich ist es natürlich günstiger, dass das dass wir die Materialien halt einfach wieder in Kreisläufe zurückbringen.

00:08:24: Dörte: Angesichts der Müllberge, die du sicher auch schon im Fernsehen gesehen hast, und die die Böden, Flüsse und unsere Meere verseuchen, fiel es mir zunächst schwer, an Kreislaufwirtschaft als tragendes Prinzip unserer Wirtschaft zu glauben. Dir geht es gerade auch so? Du zweifelst daran, dass Müllberge nicht unsere Zukunft sein müssen? Dann lass dich bitte auf Nora Sophies motivierende Worte ein:

00:08:46: Nora Sophie: Und aus meiner Sicht geht es noch viel stärker auch darum, nicht nur über Abfälle nachzudenken, sondern wie kriegen wir es hin, positive Mehrwerte zu schaffen, Also einen Beitrag dazu leisten, dass diese Welt schöner wird und noch lebenswerter wird. Und dementsprechend würde ich mir dann eine Welt vorstellen, die in ganz vielen Bereichen deutlich positiver ist als das, was wir jetzt haben. Das heißt, dass wir eine Welt haben, in der es einfach ist, auf der Straße zu laufen, in der viel grün ist, in der wir gute Luft atmen, in der wir uns wohlfühlen, unterwegs zu sein, in der wir eine angenehme Lautstärke Atmosphäre haben, in der alle Produkte um uns herum so sind, dass sie für uns gesund sind und wir nicht damit rechnen müssen, dass wir ja schädliche Einflüsse über Produkte, über Verkehr, über die Materialien, die um uns herum sind, über die Gebäude, die um uns herum sind, haben, sondern dass all das, was um uns herum von uns Menschen geschaffen wird, dazu beiträgt, auch uns zu nützen und auch der Umwelt um uns herum zu nutzen. Denn nur dann, wenn wir es schaffen, mit der Umwelt zu leben und sozusagen Teil davon zu werden, nur dann ist für uns die Welt auch so, dass wir eine lebenswerte Welt haben.

00:10:27: Dörte: Du glaubst nicht, dass das klappen könnte? Bleib dran und lausch den Gedanken und Erfahrungen von Nora Sophie, einer Frau, die sich stark dafür einsetzt, dass diese Vision in unser aller Leben kommt. Denn je mehr ich mich mit Cradle to Cradle beschäftigte, umso überraschter war ich zu erfahren, wie viel schon nach diesem Prinzip gearbeitet wird. Doch was ist Cradle to Cradle überhaupt? Momentan läuft es doch in den meisten Fällen so: Man entnimmt Rohstoffe, macht daraus ein Produkt, gebraucht dieses und wirft es dann weg. Kurzgesagt: take – make - use – waste. Oder auch: Cradle to grave, von der Wiege bis ins Grab. Auf diesen linearen Weg sind die meisten Wirtschaftssysteme aufgebaut. Waren sind sozusagen Abfallprodukte in spe. Cradle to Cradle setzt dem ein zirkuläres System entgegen:

00:11:26: Nora Sophie: Aus meiner Perspektive kann man alles im Kreislauf halten. Dabei ist Kreislauf auch schon eigentlich ein zu eng gefasstes Wort. Eigentlich müssen wir alles sozusagen in Bio- oder Technosphäre halten, das heißt immer wieder in Kreisläufen führen, aber nicht in einem Kreislauf. Das heißt, aus einer Waschmaschine muss nicht unbedingt immer wieder eine Waschmaschine werden, kann es. Es kann aber alles, was wir an Materialien nutzen, in der Technosphäre gehalten werden und somit immer technischer Nährstoff für ein anderes Produkt sein. Und alles, was wir verbrauchen, also was wir, was sich abreibt, was wir verbrauchen im Sinne von wie ein Shampoo, was dann ins Wasser gelangt oder unsere Nahrung, aber auch der Abrieb von Autoreifen oder Schuhen, die müssen so gestaltet sein, dass sie in die Umwelt gelangen kann und können und dann sozusagen in der Biosphäre zirkulieren können.

00:12:30: Dörte: Noch mal von vorne – ganz wörtlich. Denn bei Cradle to Cradle werden Produkte von Anfang an so gestaltet, dass alle Materialien und Inhaltsstoffe in den Kreislauf zurückgeführt werden können, aus dem sie entnommen wurden. Also entweder aus der Technosphäre oder aus der Biosphäre – zwei sehr wichtigen Begriffen in der Kreislaufwirtschaft. Demnach soll es nur noch zwei Arten von Produkten geben: Verbrauchsgüter, die vollständig biologisch abgebaut werden können, und Gebrauchsgüter, die sich endlos recyclen lassen. Auf diesem Wege werden keine Abfälle produziert, sondern die Waren werden noch viel nachhaltiger genutzt, als wir es bislang tun. Das ist auch gut für unseren CO2-Ausstoß, der wird dadurch nämlich reduziert. Ausgangspunkt für das Design nach dem Cradle to Cradle-Prinzip ist eine wichtige Frage:

00:13:25: Nora Sophie: Wir müssen uns überlegen: Für welches Nutzungsszenario nutze ich mein Produkt? Und das war das, was ich eingangs schon meinte. Wenn wir Produkte so gestalten, dass sie also wenn wir Produkte nutzen wollen, dann können sie in der Technosphäre zirkulieren. Wenn wir Produkte aber verbrauchen, dann müssen sie für die Biosphäre gemacht sein. Und das heißt, wir müssen uns vorher überlegen, was passiert eigentlich mit den Materialien, die ich nutze? Reiben Sie sich ab, gehen Sie in die Umwelt, dann müssen Sie auch dafür gemacht sein. Und wenn ich mir überlege, dass ich sie nur gebrauche, dann muss ich ganz klar auch überlegen: Wie kann ich sie denn so bauen, dass ich sie wieder auseinandernehmen kann, dass ich die Materialien auch wirklich zurückbekomme? Und was sind auch Geschäftsmodelle, die damit einhergehen, dass ich dann weiß, ich bekomme die Produkte auch wirklich zurück und kann die Materialien damit dann auch wieder in die Nutzung bringen.

00:14:23: Dörte: Du bist skeptisch und siehst gerade wieder die riesigen Plastikteppiche vor dir, die sich auf den Ozeanen bewegen? Die sind ja tatsächlich Realität aber menschgemacht.

00:14:34: Nora Sophie: Wir reden darüber, wie es sein kann, dass Menschen viel Plastik produzieren. Wir sehen das auch in anderen Regionen, dass einfach große Mengen an Kunststoffen zum Beispiel neben Bahnschienen etc. zu finden sind. Das liegt aber eigentlich nicht daran, dass sich die Menschen irgendwie falsch verhalten, sondern dass die Produkte falsch gemacht sind, weil es ja nicht sein kann, dass wir Kunststoffe einwegmäßig für eine Verpackung nutzen, die man danach dann gar nicht mehr los wird. Und hier wenden wir uns sozusagen vergleichsweise in Deutschland angucken, dann sind wir ja nur gut darin, diesen Kunststoff aufzuräumen. Wir sind ja nicht gut, weniger Kunststoffe zu produzieren oder weniger Verpackungen zu produzieren.

00:15:23: Dörte: Plastik ist tatsächlich ein riesiges Problem. Müsste es nach Nora Sophie aber gar nicht sein.

00:15:30: Nora Sophie: Es gibt Kunststoffe, die wir nahezu unendlich im Kreislauf führen können. Dafür ist aber ganz wichtig zu definieren, welche Kunststoffe das sind. Und das funktioniert nicht mit allen, sondern die meisten Kunststoffe verlieren ja die Möglichkeit, einfach mechanisch recycelt zu werden, dadurch, dass sie dann auch nach einer Zeit poröser werden. Aber es würde schon mal ganz viel bringen, auch diese Kunststoffe im Kreislauf zu halten, weil es natürlich auch da um die Dauer geht, wie wir Materialien ja wieder nutzen und in Kreisläufe zurückbringen. Und um Kunststoffe wirklich auch gut zu recyceln, geht es auch darum, Monomaterialien zu verwenden, also Materialien, die nicht aus vielen verschiedenen Kunststoffen bestehen und dann am besten noch irgendwie zusammengeschweißt zusammengeklebt sind, sondern wirklich sich als ein Kunststoff dann auch sortenrein trennen lassen und dann wieder in Kreisläufe zurückzuführen sind. Und das gibt es auch heute schon. Hersteller, die das schaffen, Produkte so zu gestalten, dass man sie dann auch in Kreisläufe bringen kann. Und da geht es natürlich darum, dass man diese auch wieder gut sammelt und dann auch tatsächlich in Kreisläufe auch zurückbringt, also nicht nur dafür designed, dass sie in Kreisläufe gehen könnten, sondern dazu dann halt auch die passenden Kreisläufe Logistiken zu schaffen, dass das auch passiert?

00:17:02: Dörte: Kreislaufwirtschaft oder Cradle to Cradle ist schon lange keine Träumerei mehr, sondern Realität. Die positiven Beispiele und Erfahrungen mehren sich – hier sind einige wenige. So steht in Venlo ein neues Rathaus, dessen Fassadendämmung Schadstoffe aus der Luft reinigt, das mehr Energie produziert als es verbraucht und dessen Wasserkreislauf geschlossen ist. Es wurde von Anfang an als ein best practise der Kreislaufwirtschaft konzipiert. In Haimhausen bei München entsteht derzeit ein Supermarkt, dessen Gebäude konsequent zirkulär geplant ist: 100% demontagefähig, mit zu 97% trennbaren Materialien und 95% CO₂-Einsparung in der Konstruktion gegenüber dem Massivbau. Er trägt treffenderweise den Namen Loop-Markt und Nora Sophies Cradle to Cradle NGO war an der Planung beteiligt. Dass nicht nur der Ball rund ist, sondern auch ein Fußballverein in Kreisläufen denken kann, beweist Borussia Dortmund. Dort setzt man unter anderem auf Wasserkreisläufe, Mehrwegsysteme und die Vermeidung von Lebensmittelabfällen. Auch Nora Sophie hat uns zwei Umsetzungsbeispiele mitgebracht. Das erste nennt sich „Labor Tempelhof“. Damit sind drei Konzerte der Bands „Die Ärzte“ und „Die Toten Hosen“ gemeint, die ganz nach dem Cradle to Cradle Konzept geplant und umgesetzt wurden:

00:18:34: Nora Sophie: Ja, es geht da um die Konzerte der Toten Hosen und der Ärzte, wo wir an den Beispielen dieser Großkonzerte mit Labor Tempelhof aufgezeigt haben, wie man Konzerte nach Cradle to Cradle umsetzen kann. Aber dabei geht es eigentlich gar nicht nur um Konzerte, sondern es geht um kleine Städte. Denn wenn wir uns das angucken, das sind gar nicht so kleine Städte, sechzigtausend Teilnehmende war, waren da pro Konzert insgesamt über drei hunderttausend Menschen, die diese Konzerte besucht haben. Dann sehen wir, das ist eine Stadt, in der die Menschen auf Toilette gehen, in der die Menschen essen, in der die Menschen T-Shirts kaufen, in der die Menschen Strom brauchen, Wasser benötigen. Also all das, was wir sonst in der Stadt auch brauchen. Und daran ließ sich natürlich unglaublich gut durchspielen, wie das alles gehen kann und wie man das alles so gestalten muss, dass es halt für die Zukunft taugt. Und dementsprechend war Labor Tempelhof ein ganz schönes Beispiel, wo wir nicht nur aufzeigen wollten, wie wir Konzerte der Zukunft gestalten, sondern wie wir halt all diese Bereiche anders machen können und das alles dann aufgezeichnet haben, dazu einen Report gemacht haben und sozusagen an dem Beispiel durchdekliniert wie kann Zukunft anders aussehen.

00:20:01: Dörte: Das zweite Beispiel kommt wieder aus dem Baubereich:

00:20:04: Nora Sophie: Ja, ich sitze hier im Cradle to Cradle Lab, einem Ort, den wir genau danach gestaltet haben. Das ist ein Plattenbau aus DDR Zeiten, Wo wir gesagt haben, wir müssen ja einen Ort schaffen, an dem begreifbar wird, was Cradle to Cradle ist. Das heißt, wir haben einen Ort, den es schon gab, genutzt, um nicht immer wieder neue Orte nur zu bauen, sondern auch mit dem zu arbeiten, was schon da ist, also den Bestand zu nutzen und haben alles, was nicht geeignet war, damit wir gesunde Räume haben, rausgenommen und neue Dinge reingebracht, die alle dafür schon designt sind, gestaltet sind, wirklich für Kreisläufe gut zu sein, aber auch konkrete Szenarien mit sich bringen. Das heißt, wir haben eine Fassade, die wir nicht besitzen, sondern wo es darum geht, sie nur zu nutzen. Wir haben Fußböden hier drin, die die Luft reinigen. Wir haben Wände, die CO2 speichern. Ähm, ja, ganz viele verschiedene Beispiele, wo man sozusagen sehr konkret sehen kann, wie kann diese Zukunft heute schon aussehen? Und das ist auch nicht nur eine Zukunft ist, sondern das ist sehr konkret. Diese ganzen Beispiele schon gibt und es nur darum geht, sie jetzt wirklich in der Breite in die Umsetzung zu bringen.

00:21:31: Dörte: Wie breit die Umsetzung bereits ist, zeigt dir auch eine Website, die ich dir in den Shownotes verlinke. Unter kreislaufwirtschaft minus deutschland de findest du eine Menge inspirierender best practises.

00:21:53: Dörte: 2045 will und soll Deutschland klimaneutral wirtschaften, das ist in 19 Jahren. Auf die Frage, ob sich in dem Zeitraum Cradle to Cradle noch stärker durchsetzen kann, sagt Nora Sophie:

00:22:05: Nora Sophie: Na ja, wenn ich zurückgucke auf die letzten neunzehn Jahre, dann ist in der Zeit schon sehr viel passiert. Dann weiß ich, dass vor neunzehn Jahren sich so gut wie keiner um diese Themen Gedanken gemacht hat. Es gab welche und es gab die Ideen auch schon. Das ist nichts Neues, aber es war lange noch nicht in der Breite angekommen. Ja, wir sehen, dass man heute das in Strategien findet. Es gibt die nationale Kreislaufwirtschaftsstrategie. Es gibt den europäischen Circular Economy Act, und es gibt ja einige Bemühungen, diese Themen auch politisch in die Umsetzung zu bringen. Es gibt hunderte, tausende von Unternehmen, die das schon umsetzen und die konkret auch Produkte so gestalten. Es gibt viele Regionen und Gemeinden, Kommunen, die das Thema umsetzen und vor Ort ihre Städte danach entwickeln wollen. Und es gibt ja, diese ganzen Beispiele sind schon da. Dementsprechend finde ich schon, dass in den letzten neunzehn Jahren so viel passiert ist, was mich optimistisch stimmt, dass das auch möglich ist, dass in den nächsten ein 19 Jahren wir das in die Umsetzung auch in der Breite bekommen würden.

00:23:22: Dörte: Tatsächlich ist der Impuls für die heutige Cradle to Cradle Bewegung schon vor fast 25 Jahren passiert. Alles fing 2002 mit der Publikation „Cradle to Cradle: Einfach intelligent produzieren“ an – der Originaltitel lautet „Cradle to Cradle: Remaking the Way We Make Things“. Geschrieben wurde es vom deutschen Verfahrenstechniker und Chemiker Michael Braungart zusammen mit dem amerikanischen Architekten William McDonough. Häuser, die als Materialbanken dienen; Wände, die CO2 speichern; Jeans, die man mieten kann; Kosmetika aus Oliventrester oder Möbel aus dem Möbelmarkt, die zurückgenommen und wiederaufbereitet erneut verkauft werden – all das gibt es schon. Cradle to Cradle lebt also bereits. Das beweisen auch diese beiden Wertschätzungen von höchster Stelle: So hat Deutschland seit Dezember 2024 die Nationale Kreislaufwirtschaftsstrategie (NKWS) und die Europäische Union sogar eine EU-Kommissarin. Jessika Roswall aus Schweden ist noch bis 2029 für die Themen Umwelt, Wasserresilienz und eine wettbewerbsfähige Kreislaufwirtschaft zuständig. Sie soll unter anderem ein Gesetz zur Kreislaufwirtschaft im Rahmen des Green Deal entwickeln. Wir werden sehen, wie weit das Thema vorangetrieben wird. All das Gute darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir ein akutes Müllproblem haben. Zwei Milliarden Tonnen Müll produzieren wir Menschen derzeit in der Welt. Pro Jahr. Auf Deutschland heruntergebrochen: Nahezu 37 Millionen Tonnen Müll haben wir alle gemeinsam produziert, sagt das Statistische Bundesamt. Wahnsinn! Im Grunde sind wir in Deutschland also gerade 37 Millionen Tonnen entfernt vom Naturzustand. Der ja, wie wir gelernt haben, mülllos ist. Was können du und ich also tun, um in diese Richtung zu marschieren? Wir können auf Produkte setzen, die nach dem Cradle to Cradle Prinzip gedacht und hergestellt werden. Und wir können bei jedem Kauf uns die Frage stellen „Was passiert mit dem Gegenstand, wenn ich ihn nicht mehr brauche? Ist er verwertbar, kann er wieder genutzt werden? Könnte er sogar Nährstoff für etwas Neues sein? Um uns dann für Dinge zu entscheiden, deren letzter Gang nicht der zur Müllhalde ist. Denn je weniger Produkte neu produziert werden müssen, desto weniger Rohstoffe müssen wir dafür einsetzen. Nora Sophie plädiert selbstverständlich stark dafür, Kreislaufwirtschaft als Lösungsstrategie wirklich ernst zu nehmen.

00:26:05: Nora Sophie: Ich denke, dass wir heute in einer Welt leben, in der wir leider immer noch eher reagieren, statt wirklich proaktiv unsere Zukunft zu gestalten. Das heißt, wir sehen okay, irgendwo sind Schadstoffe, dann verbieten wir sie. Dafür kommt dann das nächste Material auf den Markt, was vielleicht noch viel schlimmere Schadstoffe enthält, die aber sozusagen dann auch wieder erstmal verboten werden müssen. Oder wir sehen, dass wir auf einmal explodierende Rohstoffpreise haben und dann überlegen wir uns, was könnten wir vielleicht damit machen. Also an allen Stellen sind wir nicht proaktiv dabei, uns zu überlegen, wie soll unsere Zukunft eigentlich aussehen und was müssen wir dafür tun, um da hin zu gelangen? Das liegt natürlich auch daran, dass unsere Welt unglaublich komplex ist und viele verschiedene Bereiche mit hineinspielen. Wo wir gerade unsere Prio sehen. Aber wir dürfen nicht denken, dass wir diese Themen erst behandeln, wenn wir gerade mal Zeit dazu haben, wenn es uns gerade gut geht. Sondern wir müssen sie als essentiellen Part einer Strategie zu Wie wollen wir unsere Zukunft gestalten sehen? Und ich glaube, wir werden nur dahin kommen, dass wir diese Welt auch haben, wenn wir aktiv dazu beitragen und wenn auch auf höchster Ebene unser Bundeskanzler aktiv sieht, dass das ein Thema ist, was er mitgestalten muss und was auch andere Entscheidungsträger aktiv mitgestalten müssen.

00:27:41: Dörte: Ob Bundeskanzler, Designer, Müllwerker - mitgestalten, sich für die Transformation der Kreislaufwirtschaft einzusetzen steht uns im Grunde allen gut an, wie Nora Sophie betont:

00:27:52: Nora Sophie: Ich denke, dass wir in allen Berufen Cradle to Cradle mit einbringen müssen. Also das muss einfach das Neue normal sein. Es muss ganz klar sein, dass man das, egal in welchem Bereich man arbeitet, man das mitdenkt. Das heißt, wir brauchen Lehrerinnen, die wissen, worum. Cradle to Cradle geht, damit sie das auch weiter in ihrer Bildung mit integrieren können. Wir brauchen die Ingenieure und die Produktdesigner, die die Produkte so gestalten. Wir brauchen diejenigen, die sich die Logistikwege ausdenken. Und wir brauchen Politikerinnen, die das Thema mit aufgreifen. Also ich könnte keinen Beruf sagen, den es so nicht braucht. Ich denke, alle Berufe müssten das Thema nur einfach ganz klar integrieren und es muss gar nicht als etwas sozusagen Add on mehr gelten, sondern es muss das Neue normal sein, dass man das automatisch von vornherein anders denkt.

00:28:56: Dörte: Und damit kommen wir heute zum Schluss. Lass‘ mich unsere Learnings nochmal kurz zusammenfassen. Die Natur produziert keinen Müll, wir Menschen schon, enorm viel sogar. Die natürlichen Ressourcen unserer Erde sind endlich und wir müssen schonender damit umgehen. Das zusammengenommen führt zum Prinzip der Kreislaufwirtschaft, das darauf setzt, dass vor der Produktion die Nutzung der Materialen zum Kernpunkt des Designs wird. Daraus ergeben sich dann besser wiederverwertbare oder länger nutzbare Produkte, die entweder in einen Kreislauf der Biophäre oder in den der Technosphäre gegeben werden. Das schont die Ressourcen und unseren Co2-Haushalt, es macht uns von Rohstoffen unabhängiger und ökonomisch sinnvoll ist auch. Cradle to Cradle, so haben wir gelernt, ist in vielen Bereichen schon Realität, hat sein Potenzial aber noch nicht wirklich entfaltet. Die Cradle to Cradle NGO von Nora Sophie arbeitet aber daran und du kannst es auch:

00:30:03: Nora Sophie: Denn ich denke, so gut wie jeder und jede ist ja irgendwo auch beruflich aktiv und kann das da mit reinbringen. Man kann die Themen bei sich politisch platzieren und sagen ich möchte das mit meinen Politikerinnen vor Ort besprechen, Ich möchte das in meine Stadt tragen, ich möchte das in die Schule meiner Kinder bringen. Oder ich möchte an ganz unterschiedlichen Stellen einfach erstmal auch darüber reden, um Bewusstsein zu schaffen. Das war auch die Idee, warum wir Cradle to Cradle NGO gegründet haben, um Bildung zu betreiben und um sozusagen erstmal Bewusstsein zu schaffen und Austauschplattform zu sein, damit man voneinander lernen kann. Das heißt, was man auch machen kann, ist, sich natürlich bei uns zu engagieren mit den anderen Ehrenamtlichen. Wir haben über ein tausend Ehrenamtliche mittlerweile in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Das heißt, man kann dazu kommen, sich da austauschen, voneinander lernen. Man kann bei uns zum Cradle to Cradle Kongress kommen, der einmal im Jahr stattfindet Und da von ganz vielen Best Practices schon lernen und in den Austausch gehen. Man kann uns hier im Cradle to Cradle Lab besuchen und man kann die Themen weiterverbreiten und aktiv dazu beitragen, dass das ja einfach das Neue normal wird.

00:31:30: Dörte: Danke, dass du bis hierhin wieder zugehört hast. In den Shownotes gibt’s die Website-Adressen und Links, denen du zur weiteren Beschäftigung mit dem Thema folgen kannst. Freuen darfst du dich auf die nächste Folge in dieser Staffel. Am 28. April 2026 geht es darum, wie wir Energie richtig nutzen oder einsparen. In der Folge haben wir zwei Experten zu Gast, die dich auch wissen lassen, wie du dein Heim energieeffizient gestaltest. Würde mich freuen, wenn du wieder dabei bist. GradWandel findest du überall, wo es Podcasts gibt – und natürlich auch auf unserer Website unter www.klimahaus-bremerhaven.de. Wir freuen uns über Abos, Likes und Kommentare. Stell uns gerne deine Fragen! Für heute sage ich Tschüss! Shownotes: Website Cradle to Cradle NGO https://c2c.ngo/ Cradle to Cradle Kongress 17. und 18. September 2026: https://c2c-congress.org/ Youttube-Kanal von Cradle to Cradle NGO https://www.youtube.com/@CradletoCradleNGO Green Tech Atlas des Bundes Umweltamtes 2025 – dort auch die aktuell vorliegenden Zahlen zur Branche - https://www.uba.de/n117552de Ressourcen schonen im Haushalt: https://www.bund-stuttgart.de/muster-und-vorlagen/default-1d29b03459/meldungen/detail/news/ressourcen-schonen-im-haushalt-tipps-von-damals-bis-heute/ Earth Overshoot Day - https://overshoot.footprintnetwork.org/ Beispiel Rathaus in Venlo https://nax.bak.de/2024/10/14/das-leuchtturmprojekt-neues-rathaus-venlo/ Beispiel Loop-Markt Haimhausen https://ratisbona.com/projekte/loop-markt-haimhausen Beispiel Borussia Dortmund https://www.bvb.de/de/de/der-bvb/verantwortung/umwelt/kreislaufwirtschaft.html Beispiel Projekt Tempelhof https://labor-tempelhof.org/ueber-das-projekt/ Nationale Kreislaufwirtschaftsstrategie https://www.kreislaufwirtschaft-deutschland.de/ Website Dr. Michael Braungart zum Thema Cradle to Cradle https://michaelbraungart.com/cradle-to-cradle/ Host: Dörte Behrmann, Klimahaus Bremerhaven Produktion: Dezett Image Daniel Zaidan, Bremen Musik: Smart Brain Lauscht der nächsten neuen Folge von** GradWandel - Staffel Morgenmacher** immer am letzten Dienstag des Monats GradWandel findest du überall, wo es Podcasts gibt – und natürlich auch auf unserer Website unter www.klimahaus-bremerhaven.de Das Klimahaus Bremerhaven bei https://www.instagram.com/klimahaus.bremerhaven/ https://www.linkedin.com/in/klimahaus-bremerhaven https://www.klimahaus-bremerhaven.de

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